Der Bogen als Lern- und Erfahrungsinstrument – Gastbeitrag von Annette Birkholz

Wir bei Baum & Bogen schauen gern über den Tellerrand hinaus und lernen andere Bogenbauer und Bogenfreunde kennen. Vernetzen, teilen, Freunde finden – das ist unser Anliegen dabei. 

Heute schreibt unsere geschätzte Kollegin Annette Birkholz über ihren Bogenweg und wie sie aus der persönlichen Begeisterung für den Bogen einen Beruf und eine Berufung machte. Innerhalb der letzten 10 Jahre baute sie die Bogenakademie auf, die namhafte Unternehmen berät und bei Veränderungsprozessen begleitet – auf der Basis von faszinierenden, von ihr selbst entwickelten Coaching-Methodiken rund um den Bogen. 

Wie meine Leidenschaft zum Beruf wurde

Ein Gastbeitrag von Annette Birkholz für unsere Reihe „Mein Bogen und Ich“

Wer hätte gedacht, wie der Tag der langen Stadtnatur vor 10 Jahren mein Leben (als Inhaberin einer Agentur für besondere TeamErlebnisse) verändern würde:

Als ich damals den Flitzebogenkurs entdeckte, meldete ich meinen Sohn und mich sofort an. Am Berliner Nöldnerplatz fanden wir dann tatsächlich den Zugang zu dem zugewucherten ehemaligen Bahngelände, schlugen uns durch das Gestrüpp entlang des Bahndamms und standen dann urplötzlich auf einem von Lokschuppen umgebenen Platz. Vor uns eine Gruppe von Menschen, die einem jungen Mann andächtig lauschten, der ein Stück Holz in den Händen hielt.

 

Annette Birkholz, Bogenakademie

Annette Birkholz, Bogenakademie

 

„Beim Spannen des Bogens ergriffen mich Aufregung, Herzklopfen, Spüren pur.“

Der junge Mann war Gerhard Wiedemann, ein Bogenbauer, der seinen Besuchern gerade erklärte, wie aus einem Stück Holz – dem Rohling – ein Bogen wird. Im Anschluss lud er uns ein, auf dem ehemaligen Rangiergelände Pfeil und Bogen auszuprobieren. Und da geschah genau das mit mir, was später Hunderten – ja mittlerweile wohl Tausenden – meiner eigenen Kunden passieren würde: Beim Spannen des Bogens ergriffen mich Aufregung, Herzklopfen, Spüren pur. Freude, Enttäuschung, Verwunderung über das Ergebnis. Atemlos. Infiziert. Ja, es war eine Initiation, könnte man sagen. Und das Gefühl, immer und immer weitermachen zu wollen.

Weitergemacht habe ich tatsächlich. Ich habe gespürt, dass ich mit Pfeil und Bogen ein Werkzeug in Händen hielt, mit dem ich mich unmittelbar auf einer tiefen Ebene verbinden konnte. Ein Werkzeug, das mir ganz viel über mich selbst erzählte. Und darüber hinaus ein „Tool“, dass die inneren Prozesse beobachtbar und damit besprechbar machte. Ich musste es für meine Arbeit „nur“ noch entwickeln, erforschen, testen.

Mit dem Bogen sich selbst begegnen

Genau das geschah: Über mehrere Jahre erkundete ich den Bogen mit unzähligen Gruppen, tauschte mich mit wunderbaren Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichsten Bereichen aus – Sport, Zen, Therapie, Coaching und Beratung – und entwickelte aus der Essenz eine eigene Methode, die die Prozesse bei der Bogenarbeit sowohl auf persönliche als auch auf unternehmerische Prozesse übertragen ließ.

Auf dem mehrtägigen Change Camp eines großen Automobilkonzerns stand nach einer Bogensession ein hochgewachsener und beindruckender Mann vor mir, der gerade geschossen hatte. Sein Gesicht war tränenüberströmt und er fragte mich: „Was haben diese paar Pfeile mit mir gemacht? Ich bin ein glücklicher und sehr gut verdienender Familienvater. Warum stehe ich jetzt weinend vor Ihnen? Was hat das zu bedeuten?“ Ich antwortete: „Sie sind nur gerade sich selbst begegnet. Sich selbst zu begegnen, lässt niemanden kalt…“

Die Gründung der Bogenakademie: Führungsthemen und Change Prozesse

Bogen bei Bogensession der BogenakademieDie Ergebnisse waren so ermutigend, dass mich Bogenschießen als Outdoor-Aktivität im Sinne von „Bespaßung“und „Eventbespielung“ immer weniger interessierte. Stattdessen entschloss ich mich, den Bogen künftig nur noch gezielt als Lern- und Erfahrungsinstrument einzusetzen: In Organisationen und Unternehmen, um dort Prozesse anzustoßen, die Entwicklung einer Unternehmenskultur zu begleiten und Leadership-Themen zu bearbeiten.

Gedacht, getan: Ich gründete die Bogenakademie, ließ mich berufsbegleitend zur systemischen Beraterin und zur zertifizierten Coachin ausbilden und habe keine Sekunde davon bereut. Die Ernte dieser intensiven Zeit war reiner Goldstaub, den ich nur noch mit der Bogenarbeit verbinden musste – zum „Systemischen Schießen“.

Seither bin ich als Beraterin in kleinen, mittleren und auch sehr großen Unternehmen mit dem Bogen zu Führungsthemen und für Change Prozesse unterwegs. Mein Beruf ist nach vielen Jahren meine Leidenschaft geworden. Mit jeder Bogenintervention lerne ich weiter dazu. Meine Neugierde ist unerschöpflich. Daher habe ich begonnen, mit dem Bogen auch interdisziplinär zu arbeiten: Mit Künstler_innen, Tänzer_innen, Schauspieler_innen. Auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Bogensessions: durch den Bogen zu einer Gemeinschaft zusammenwachsen

Jede Bogensession, jede Bogenintervention ist ein kokreativer Prozess: Ganz besonders liegt mir unsere samstägliche Bogengruppe am Herzen. Sehr unterschiedlich sind die Anlässe, die diese Menschen zum Bogenschießen geführt haben: Dazu gehören persönliche Krisensituationen, der Verlust eines Menschen, eine berufliche Umorientierung, der Wunsch nach innerer Ruhe, das Bedürfnis loszulassen, das Suchen nach Gemeinschaft oder einfach die Lust daran, in die eigene Energie zu kommen und andere Gleichgesinnte zu treffen.

Auch wenn ich diejenigen bin, die den Rahmen vorgibt und den kleinen „Lehrtext“ für die Pause aussucht, so ist die Dynamik gleichermaßen von der Zusammensetzung und der Stimmung der Teilnehmenden geprägt. Jede der dreistündigen Sessions ist anders. Doch eines ist immer wieder erstaunlich: Dass die Menschen, die sich hier zum ersten Mal begegnen, durch den Bogen in der Kürze der Zeit zu einer kleinen vorübergehenden Gemeinschaft zusammenwachsen. Dieses nonverbale Band der Zusammengehörigkeit ist oft sehr stark und emotional anrührend. Das miterleben zu dürfen, betrachte ich als großes Privileg.

Berufung: der Bogen als Schlüssel zum Herzen der Menschen

Ich empfinde diesen Beruf als Berufung. Kein Tag, keine Stunde ist gleich. Ich arbeite in Einzelsettings, Paarsettings, mit kleinen Gruppen oder auch immer wieder mit Hunderten von Menschen gleichzeitig. Und jedes Mal ist der Bogen der Schlüssel zum Herzen der Menschen und damit auch zu ihrer Transformation. Ich selbst stelle ja als Beraterin und Coaching nur den Erfahrungs- und Reflexionsraum zur Verfügung – und halte ihn. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Meinem Kollegen Gerhard bin ich dankbar dafür, dass er diesen Funken Bogenleidenschaft damals vor 10 Jahren in mir entzündet hat. Jeder seiner wunderbaren Bögen, die er baut und die ich für meine Gruppen einsetze, trägt diesen Funken in sich. Und auch meinen vielen wunderbaren Kund_innen und Klient_innen danke ich für das, was sie mich durch ihren eigenen Lernprozess gelehrt haben.

 

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